Israelkritik und Antisemitismus von Links

Gastbeitrag von Daniel Meißner

Ein Referat von Daniel Meißner

Waldorfschule Köln April 2009

Begriffsklärung

Judenfeindlichkeit
(auch Judenhass, Judenfeindschaft, Antisemitismus, gegebenenfalls Judenverfolgung) ist die pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums. Dieses Phänomen ist seit etwa 2500 Jahren bekannt und hat besonders die Geschichte Europas über weite Strecken begleitet.

Antizionismus
bezeichnet politische und religiöse Ansichten, die sich gegen den Zionismus und den Staat Israel richten. Sie sind verschieden motiviert und begründet und nicht an bestimmte Parteien und Ideologien gebunden.

Europäischer Antisemitismus nach 1945 ist in der Regel ebenso durchgehend antizionistisch wie der Islamismus und der Antisemitismus in islamischen Ländern. Viele Antizionisten betonen den Unterschied ihrer Überzeugung zum Antisemitismus, während ihre Kritiker Gemeinsamkeiten beider Ideologien betonen.

Begriffliche Erläuterung von http://www.wikipedia.org

Vorwort

Der Begriff Antisemitismus bezeichnet eine Form des Judenhasses, die besonders in der Zeit des NS-Regimes geprägt wurde.
Die Erscheinung an sich ist jedoch nicht neu. Schon im Mittelalter kam es aufgrund verschiedenster Ablehnungsgründe zur sozialen Ausgrenzung und Gettoisierung von Juden. Wie etwa bei den Kreuzzügen, wurden Juden schon zu dieser Zeit, aufgrund ihres ethnischen Hintergrundes, verfolgt und getötet.
Der Antisemitismus, wie er zur Zeit des dritten Reiches betrieben wurde, begründet seine Ablehnung gegen Juden mit der „biologischen Minderwertigkeit“ dieser. Auch mit der Theorie der „jüdischen Weltverschwörung“ rechtfertigten Antisemiten zur NS-Zeit ihre Vorgehensweisen.
Heute, 64 Jahre nach dem Fall des Regimes, und 50 Jahre nach der Gründung des Staates Israel, scheint der Antisemitismus und vor allem auch der Antizionismus in verschiedensten Formen wiederzukehren. Die aktuellsten Ereignisse im Israel-Palästina-Konflikt lassen neue „Kritik“ entflammen, die erstaunlicherweise nun nicht mehr nur von rechts ausgeht, sondern auch unter den Linksgesinnten immer häufiger wird. Als es Ende 2008 zu gewaltsamen Auseinandersetzung und dem Einmarsch von israelischen Truppen in den Gazastreifen kam, wurde rasch an den verschiedensten Orten der Welt, darunter auch in Mitteleuropa, gegen das Vorgehen Israels protestiert. Diese, überwiegend von muslimischen Gruppen organisierten Straßendemonstrationen, wurden beispielsweise in Paris schnell von sogenannten Linksextremen und Antifaschisten begleitet. Man trug Banner mit der Aufschrift „Gaza = Auschwitz Nr. 2“ und auch in deutschen Städten wie Düsseldorf waren israelfeindliche Äußerungen wie „Israel = SS“ keine Seltenheit. Nun kümmert sich auch niemand mehr um die sonst so verhasste rechtsextreme Szene, darunter vor allen die NPD, die hinter der linksextremen und muslimischen Front kaum mehr auffällt, im Wetteifern um die stärkste „Israelkritik“.

Judenhass ist wandlungsfähig. Das zeigen uns etwa 2000 Jahre Weltgeschichte. Facettenreich verwandelte sich der Antisemitismus, wie wir ihn heute nennen, in der Vergangenheit immer wieder und trug die unterschiedlichsten Kostüme. Die Idee bleibt jedoch immer die selbe – ob hier oder anderswo.

Bei meiner Recherche bin ich auf viele Quellen gestoßen, die den Judenhass bis zu seinem Ursprung zurückverfolgen. Diese Arbeit muss sich allerdings, aufgrund der zeitlichen Begrenzung und ihrem Zweck, auf einen kleinen Ausschnitt der aktuellen Situation beschränken. Darüber hinaus möchte ich anmerken, dass dieser Bericht einen subjektiven und einen objektiven Teil beinhaltet. Ich habe mir die Freiheit genommen, meine eigene Beobachtung der aktuellen Geschehnisse bezüglich des Gazakonflikts darzustellen. Auf der anderen Seite möchte ich eine sachliche Darstellung antisemitischer Entwicklungen in der deutschen linken Szene geben.

Antisemitismus von Links

Antisemitismus ist für viele ein Begriff, der fast automatisch eine Assoziation mit der Zeit des NS-Regimes hervorruft und somit schnell allein den radikalen Rechten angelastet wird. Doch der Antisemitismus wie er von Hitler betrieben wurde, ist nur eine Form von vielen, und fällt dementsprechend auch unter ein bestimmtes Hauptmotiv, nämlich die Theorie über die Minderwertigkeit der Juden im Vergleich zur germanischen Arierrasse. Auch von der jüdischen „Weltverschwörung“ ist die Rede. Nur lässt man in Anbetracht der nationalsozialistischen Verbrechen schnell die antisemitische und faschistische Haltung linker Parteien, wie etwa der KPD noch vor der NS-Zeit, außer Acht. So äußerte sich das Zentralkomitee-Mitglied der KPD Ruth Fischer, etwa 1923 folgendermaßen: “Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laternen, zertrampelt sie!”. Solche und andere Äußerungen, lassen eines der Motive des linken Antisemitismus erkennen. Man zielt auf die Juden als Personifizierung des westlichen Kapitalismus.

Nach dem Völkermord an den Juden während der Hitler-Diktatur, ist der Antisemitismus lange Zeit, zumindest in der Bundesrepublik Deutschland, ein Tabuthema in der linksradikalen Szene. Das änderte sich allerdings nach dem Sechstage-Krieg, wo der Antisemitismus in Form des Antizionismus wiederkehrt und in der Szene als Grundhaltung nunmehr unabdingbar ist. Wer sich dem entgegensetzte, wurde ausgeschlossen. Nun greifen auch Linksradikale, allerdings überwiegend Untergrundbewegungen, wieder zu judenfeindlichen Mitteln um ihre Haltung gegen den internationalen Neoliberalismus und für die Widerstandsbewegung der Palästinenser kund zu tun. Dabei bricht in den 1970er und 1980er Jahren eine Welle von Hetzpropaganda und Anschlägen auf Juden deutschlandweit aus. Ein Beispiel dafür ist der Anschlag der linksextremen Gruppe „Tupamaros Westberlin“ in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1969 auf das jüdische Gemeindehaus in Westberlin. Auch die RAF und andere linksextreme Gruppierungen reagieren positiv auf die Ermordung israelischer Olympiasportler 1972 in München. Bei der Flugzeugentführung von Entebbe im Jahre 1976 wird von einem Kommando, dem Mitglieder der terroristischen Gruppen PFLP wie auch der deutschen “Revolutionäre Zellen” angehören, eine Selektion der Flugzeuginsassen in jüdische und nicht-jüdische vorgenommen, unter anderem durch den Deutschen Wilfried Böse. Weitere Beispiele sind Demonstrationen gegen den Krieg im Libanon in den 80er Jahren, die vor Synagogen durchgeführt werden.
Nach dem Ende des Kalten Krieges und insbesondere angesichts der Bedrohung Israels im Zweiten Golfkrieg 1991 wird die Frage, ob es einen linken Antisemitismus gibt, auch innerhalb der radikalen Linken zum Thema. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des kommunistischen Ostblocks im Jahre 1990 gelangt die linke Theorie und Praxis an einen Wendepunkt. Im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands wird in der radikalen Linken zudem ein “neues deutsches Großmachtstreben” und ein “Normalisierungsdiskurs” in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit konstatiert. Bis 1990 hat man Deutschland ausschließlich als “Handlanger der USA” wahrgenommen. Infolge der Debatten spaltete sich so manche Gruppe. Nachdem in der Zeit der Friedensverhandlungen von Oslo selbst innerhalb der PLO – zumindest offiziell – die Notwendigkeit eines Kompromisses mit Israel eingestanden wird, verzeichneten die Palästina-Solidaritätsgruppen einen starken Rückgang.

Inzwischen ist zwar die extreme antiisraelische Haltung im vergleich zur Zeit der 70er und 80er Jahre etwas weniger, zumindest leiser geworden aber auch im 21. Jahrhundert lassen sich linke und antikapitalistische Bewegungen im Zweifelsfall nicht daran hindern, das jüdische Volk und somit Israel, als Inbegriff des Kapitalismus im Kampf gegen die neoliberalistische Globalisierung darzustellen. Die im Jahre 1998 in Frankreich gegründete Attac-Gruppierung beispielsweise, war besonders nach Anschuldigungen im Jahre 2002, mit Rechten zu kollaborieren bemüht darum, derartige Anschuldigungen von sich zu weisen. Doch folgten im Oktober 2003 wieder andere Äußerungen: So hieß es in einem Positionspapier der Gruppe, man sähe den “Kampf gegen die neoliberale Globalisierung” als untrennbar mit dem “Kampf [...] für das politische Selbstbestimmungsrecht der Palästinenserinnen und Palästinensern” verbunden. Eine Anspielung auf eine antiisraelische Haltung ist hier klar erkennbar.
Ebenfalls erwähnenswert ist die Gruppierung Linksruck, die aktuell Einfluss auf die WASG bzw. Linskpartei zu nehmen sucht. Zu lesen ist auf ihrer Website zum Beispiel: “Zionismus ist eine politische nationalistische Bewegung, die darauf besteht, Juden müssten ihren eigenen Staat haben, weil Nichtjuden gesellschaftlich, von Natur aus und genetisch Antisemiten seien. Er entwickelte sich als Bewegung für die Juden in Osteuropa in direkter Konkurrenz zum Sozialismus.” An anderer Stelle bezieht sich die Gruppe positiv auf den Islamismus: “Der militante Islam liegt richtig, wenn er den westlichen Imperialismus und sein Werkzeug im Mittleren Osten, den Zionismus, als Feind benennt. Er liegt richtig, wenn er einen ausgeweiteten Kampf gegen diesen Feind fordert.” Als Demonstrations-Slogans werden dementsprechend auf der Linksruck-Webseite vorgegeben: “U.S.A. – internationale Völkermordzentrale” oder “Schluß, schluß, schluß mit dem Krieg – Intifada bis zum Sieg!”

So sind die jüngsten Ereignisse im Palästina-Israel-Konflikt nur noch neuer Zündstoff für alle ohnehin israelkritischen bzw. israelfeindlichen Bewegungen. 

Antisemitismus und Israelkritik oder Stellungnahme zur aktuellen Situation

Nur selten haben wir, besonders in den reicheren Teilen unserer Welt, Skrupel alle möglichen Handlungen, angekündigt und ausgeführt von den Politikern dieser Welt zu kritisieren, zu beurteilen und zu bewerten. Mit Israel verfahren besonders wir deutschen, in vielen Fällen etwas anders. Die alleinige Kritik an der Regierung Israels ist uns, so haben wir es scheinbar selbst bestimmt, nicht gestattet. Immer noch beeinflusst uns das Gefühl von Scham und Schuld für die Verbrechen des Holocaust stark bei unserem Umgang mit Juden. Dabei sind es doch gerade wir, die Deutschen, mit unserem unermüdlichen Wiedergutmachungszwang, die es einem so jungen Staat wie Israel schuldig sind, kritisch zu sein und das auch offen zu bekunden. In diesem Fall trifft das Sprichwort „Reden ist Silber, schweigen ist Gold“, nicht so ganz zu. Denn wenn das Gold aus einer nicht zu akzeptierenden Feigheit hervorgeht ist es nicht lobenswert, an diesem Reichtum Teil zu haben. Was tun wir also, anstatt mit kritischem Blick auf die Entwicklungen durch unsere Welt zu gehen? Wir bringen Extreme hervor, die das Bild der Nation so massiv prägen, dass es schwer wird, eine Haltung zu entwickeln, die sich von Antisemitismus freisprechen kann aber gleichzeitig auch nicht alles, was die Regierung Israel tut, stillschweigend hinnimmt. So mischen sich Muslime mit Atheisten, Rechte mit Linken usw. Dabei sind Ausrufe wie „Tod den Juden“ keine Seltenheit. Seit dem Beginn der Kampfhandlungen (27.12.2008 )  seitens Israel im Gazastreifen, wuchs das Entsetzen auf der ganzen Welt. Doch die Auswirkungen dieses Entsetzens gingen weit über eine bloße Kritik und die Grenzen akzeptablen Unmutes hinaus. Hierzu einige Auszüge aus einem Bericht von http://bak-shalom.de/:

[...] Am 29.Dezember wurden in Berlin auf einer Demonstration der Palästinensischen Gemeinde Berlin die Parolen “Intifada bis zum Sieg!“, “Nie, nie, nie wieder Israel!“ und “Scheiß Juden!“ skandiert [...] Zwei Israelis wurden am 31.Dezember in einem Einkaufzentrum im dänischen Odensee durch Schüsse aus einer Pistole verletzt – zuvor wurden antisemitische Parolen skandiert [...] Im französischen Paris kam es am 3.Januar während einer antiisraelischen Demonstration zu schweren Ausschreitungen, bei denen antisemitische Parolen gerufen und Israelfahnen verbrannt wurden. Auf einer Demonstration am selben Tag in Frankfurt am Main kam es zu “Vergast die Juden!”-Sprechchören. Im niederländischen Amsterdam skandierte das sozialistische Parlamentsmitglied Harry van Bommel zusammen mit anderen Demonstranten Parolen, die zur Ermordung von Israelis aufrufen. [...] In Düsseldorf kritisierte am 3.Januar der Landesvorsitzende der LINKEN in Northrein-Westfalen Wolfgang Zimmermann vor “Davidstern = Hakenkreuz“-Schildern Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, weil sie vom “legitimen Recht des Staates Israel, sich selbst zu verteidigen“ sprechen – zudem wurden auf dieser Demonstration Schilder mit den Aufschriften “Stopp deinen Holocaust Israel!“, “Olmert = Hitler“ und “Holocauststaat Israel!“ getragen. In Berlin wurden an diesem Tag zwölf Stelen des Mahnmals für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas mit antisemitischen Parolen beschmiert [...]

Dass die Aktionen der Israelischen Regierung in vielen Punkten nicht zu akzeptieren sind, sollte allgemeiner Konsens sein. Doch solch einen Hass auf die israelische Bevölkerung zu schüren und sogar gewaltsam gegen Juden in ganz Europa vorzugehen, während man Friedensdemonstrationen besucht, bei denen Judenfeindlichkeiten und NS-Vergleiche skandiert werden, widerspricht sich selbst. Hierbei wäre es sicher sinnvoll, genauer auf die Absicht derjenigen Protestierenden zu schauen. Aber wer sich ernsthaft für eine friedliche Lösung zwischen beiden Parteien – Palästina sowie Israel – einsetzen möchte, der täte gut daran, die Situation vorerst gründlicher zu studieren. Vielleicht ist es aber auch die immer noch nicht erschöpfte Identifikation mit dem palästinensischen Widerstand, die Menschen in Europa dazu bewegt, an Protesten teilzunehmen, die oftmals sogar religiösen Ursprungs sind und somit ausschließlich zur antiisraelischen Hetze dienen.

Aber was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen bloßer Kritik an der Israelischen Regierung und dem Antisemitismus oder besser gesagt dem Antizionismus wie man jetzt die Nichtanerkennung des israelischen Staates nennt? Die Antwort scheint klar zu sein aber in der Realität lassen sich Kritik und Feindlichkeit nach Belieben interpretieren. Je nach Standpunkt, kann man Kritik als Feindlichkeit anprangern oder aber Feindlichkeit als Kritik tarnen. Beide Varianten wurden im Bezug auf die aktuellen Ereignisse im Gazastreifen und auch in der Vergangenheit schon oft genug praktiziert. Umso schwerer fällt es demjenigen, der versucht einen möglichst objektiven Einblick in die Thematik zu bekommen und dabei nicht gleich von aufeinanderprallenden Meinungsverschiedenheiten überrollt zu werden.

Autor: Daniel Meißner,  Schüler der Freien Waldorfschule Köln

Blog: www.danielmeissner.de

  1. Lets forget the bad past and we must banish hatred from our hearts.
    May peace be with you. :mrgreen:

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