Gedanken zu Politik-Verdrossenheit
Nach ziemlich langer Funkstille hier will ich nun mal wieder etwas schreiben, ich habe mir ein paar Gedanken zur allgemein beklagten Politikverdrossenheit gemacht.
Höre ich mich bei jungen Menschen, die ich neu kennengelernt habe nach ihrem politischen Interesse oder nach ihrer Meinung zu bestimmten Sachverhalten um, bekomme ich (abgesehen von schlichtem Desinteresse) oft Antworten wie “Ist alles zwecklos, die Politiker machen eh was sie wollen”, “die Wirtschaftsinteressen gewinnen immer”, “Politiker und Parteien sind nur an ihrem eigenen Machterhalt interessiert” zu hören. Wenn Stellung genommen wird, so nur undifferenziert zu eigentlich komplexen Problemen wie Irak-Krieg oder Finanzkrise, Themen also, die von den Medien allseits ausgiebig beredet werden und über die oft ein grober Konsens herrscht. Während an komplexeren Zusammenhängen ein Desinteresse besteht, so stimmen viele in den Chor derer ein, welche die vom Großteil der Gesellschaft bejahten Meinungen besingen (“Bush ist nur wegen des Öls in den Irak gegangen”, “Die gierigen Manager mit ihren Boni sind schuld”), die wiederum meist plakativ, emotional und wenig durchdacht geäußert werden.
Besonders überraschend fand ich, dass auch diejenigen jungen Leute, die von sich behaupteten, politisch interessiert zu sein, gleichzeitig ihre Resignation deutlich machten, bevor sie sich überhaupt wirklich politisch engagiert hatten. Nach dem Motto: “Es macht mich wütend, dass eh nichts passiert, also halte ich mich zurück”, begründeten sie ihre Resignation und ihr schwindendes Interesse.
Diese Passivität wird möglich durch die scheinbare Entgrenzung des politischen Geschehens und politischer Entscheidungsprozesse von der Lebenswirklichkeit der Menschen, da die Sachverhalte oft komplex und die Zusammenhänge der Entscheidungen mit den Folgen für den Einzelnen zunehmend unklarer werden. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Weg zu politischen Entscheidungen oft langwierig und umständlich ist, sich Politiker und Parteien in Streitigkeiten verstricken und gegenseitig blockieren, sodass tatsächlich der Eindruck entstehen kann, es würde nicht eine möglichst schnelle und gute Lösung zu finden, sondern vielmehr Einzel- oder Wirtschaftsinteressen der Parteien bzw. Einfluss nehmender Wirtschaftsteile zu wahren versucht.
Dabei wird die Irrationalität dieser Schlussfolgerung oft übersehen: warum erscheint es attraktiver, sich nicht zu engagieren und sich ins Private zurückzuziehen, als es – trotz geringer Erfolgsaussichten – wenigstens zu versuchen?
Weil es einfach bequemer ist?
Oder wird die individuelle Freiheit nur noch als im Privaten realisierbar angesehen, statt in der aktiven Teilhabe und der Mitgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens?
Wird Freiheit nicht als absolute Wahlfreiheit resp. Beliebigkeit verstanden, sondern als von ethischen Normen geprägter Umgang, der auf Basis der Vorstellung der “Freiheit um der Freiheit Willen” das Respektieren der Freiheit des jeweils Anderen miteinschließt, so ist Freiheit nur in Gesellschaft denkbar.
Mit dem Rückzug aus der Mitbestimmung bei politischen Entscheidungen beschneidet man sich im Grunde seiner eigenen Rechte vor dem Hintergrund des Trugschlusses, seine “wirkliche Freiheit” im Privaten ausleben zu können.
Die Illusion der Abkapselung des privaten Lebens vom politischen Geschehen hört jedoch da auf, wo politische Entscheidungen notwendigerweise das Leben des Einzelnen beeinflussen.verstanden
Es bleibt die Frage nach der Ursache dieses Verhaltens.
Ist es vielleicht eine notwendige Konsequenz eines auf Privateigentum, Konsum und Vergnügen ausgerichteten Lebens, dessen scheinbare Freiheit darin liegt, diese impulsiven Bedürfnisse überall und jederzeit befriedigen zu können?
Ist es das Fehlen übergeordneter Werte, die das Übergewicht dieser im modernen Menschen anscheinend tief verwurzelten Vorstellungen der Erfüllung des persönlichen Lebensglücks zu korrigieren vermögen?
Ist es unser Charakter, der schon so stark durchdrungen ist vom ökonomisch-rationalen Denken (“Haben-Orientierung”, E. Fromm), dass von wahrhaft menschlichen Normen geprägte Rückzugsgebiete im Privaten, wie Freundschaft und Liebe, in ihrer Bedeutung schwinden und in ihrer Existenz bedroht sind? (Axel Honneth)
Und wirkt dieses Abnahme intensiver zwischenmenschlicher Erfahrungen (die im Falle der Liebe von Erich Fromm im Übrigen nicht als passiver Zustand, sondern als aktives Tätigsein im Bezug auf sein Gegenüber – der ursprünglichen Form des Seins – verstanden wurden. S. E. Fromm: “Haben oder Sein”, 1979) nicht auch umgekehrt verstärkend auf die Tendenz zur endlosen Sinn-Suche in Konsum und Vergnügen?
Alles Fragen, die vom eigentlichen “Phänomen der Politikverdrossenheit” wegführen, meiner Meinung nach jedoch als mögliche Grundprobleme, die im o.g. Phänomen ihren Ausdruck finden und darüber hinaus als grundlegende Fragen im Hinblick darauf, ob und wie wir Gesellschaft mitgestalten wollen, diskutiert werden müssen.
Klar ist für mich, dass sich Politikverdrossenheit und fehlendes politisches Engagement weder einseitig auf die (von manchen als zu eingeschränkt empfundenen) in der deutschen Verfassung bzw. den Länderverfassungen konstituierten Mitbestimmungsmöglichkeiten; genauer gesagt die Grenzen, innerhalb derer diese heute ermöglicht wird, noch auf eine sich ins Private zurückziehende Besitz- und Gewinn-orientierte Charakterprägung zurückführen lassen, sondern umfassender betrachtet werden müssen…
Abgesehen von der Fragen nach Ursache und Wirkung glaube ich, dass ein starker Bedarf nach Mitbestimmung besteht, falls eine (wahre) Demokratie, die sich nach dem Willen des Volkes richtet, bestehen bleiben soll.
Als möglicher Weg zur “Mitbestimmungs-Demokratie” wird von einigen Bürgerinitiativen die Direkte Demokratie durch Volksabstimmung gesehen, auf die ich in meinem nächsten Beitrag eingehen will.
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Ich sehe da auch eine große Gefahr drin – die ganzen “undemokratischen” Parteien gewinnen so mehr und mehr an Boden und die “seriösen” verlieren. Umso stärker die radikalen Parteien werden, desto geringer wird der Einfluss der Demokraten – da sie nicht mehr Handlungsfähig sind – wird der Einfluss weiter schwinden… ein Teufelskreis also!
Das einzige was wir machen können: WÄHLEN, WÄHLEN, WÄHLEN und nicht den falschen das Parkett überlassen!
“Politiker und Parteien sind nur an ihrem eigenen Machterhalt interessiert” Ich bin ganz für diese Meinung. Wir wählen nur für nichts.